„Bis die toxikologische Analyse abgeschlossen ist, verlässt niemand aus der Familie das Krankenhaus.“
Der Satz des diensthabenden Arztes hing im Zimmer wie eine unsichtbare Sperre.
Alicia Aldridge stand am Fußende des Bettes ihres verstorbenen Mannes.
Ihr Gesicht war vollkommen still geworden.
Nur ihre Finger bewegten sich, als würden sie nach etwas greifen, das nicht mehr da war.
Sebastians Schwester Vanessa starrte auf das versiegelte Laborröhrchen.
Julian hielt sein Telefon so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Marina Salvatore stand zwischen ihnen und Ernest Aldridges Bett.
In ihrer rechten Hand lag der kleine Messingschlüssel, den der Sterbende ihr zugesteckt hatte.
Mit der linken hielt sie die Patientenakte fest an ihren Körper gedrückt.
„Das ist absurd“, sagte Alicia schließlich.
„Ernest war zweiundachtzig.
Er hatte Herzprobleme.
Sie machen aus einem natürlichen Tod ein Spektakel.“
Marina sah sie an.
„Dann wird die Untersuchung das bestätigen.“
„Sie sind Krankenschwester.“
„Ich bin die Stationsleitung.“
Alicia trat näher.
„Sie sind eine Angestellte.
Vergessen Sie das nicht.“
Sebastian kannte diesen Ton.
Alicia hatte ihn bei Hausangestellten benutzt, bei Fahrern, bei jungen Assistenten und bei jedem, dessen Name nicht wichtig genug war, um ihn sich zu merken.
Noch vor wenigen Tagen hatte er selbst mit Marina genauso gesprochen.
Der Gedanke brannte.
Der Arzt nahm die Patientenakte entgegen und blätterte durch die Einträge.
Marina zeigte auf zwei Medikamentenlisten.
Die erste war am Tag von Ernests Aufnahme erstellt worden.
Die zweite war wenige Stunden später digital ersetzt worden.
„Hier“, sagte sie.
„Das gerinnungshemmende Mittel wurde entfernt.
Stattdessen wurde dieses Beruhigungsmittel eingetragen.
In einer Dosis, die für einen Mann seines Alters ungewöhnlich hoch ist.“
Der Arzt runzelte die Stirn.
„Wer hat die Änderung freigegeben?“
Marina drehte das Tablet zu ihm.
Auf dem Bildschirm stand ein interner Zugriffscode.
Sebastian erkannte ihn.
„Vanessa.“
Seine Schwester fuhr zusammen.
„Ich arbeite nicht in diesem Krankenhaus.“
„Aber du sitzt im Stiftungsrat“, sagte Sebastian.
„Und du besitzt einen administrativen Zugang.“
„Für Abrechnungen.
Nicht für Medikamente.“
„Jemand hat deinen Code benutzt.“
Vanessa sah zu Alicia.
Es war nur ein kurzer Blick, doch Marina bemerkte ihn.
Julian bemerkte ihn ebenfalls.
Dann vibrierte Marinas Telefon.
Sie wollte den Anruf wegdrücken, sah jedoch den Namen ihres Bruders auf dem Display.
Matthew rief während ihrer Schichten nie an, außer es war etwas passiert.
Marina nahm ab.
„Matt?“
Am anderen Ende hörte sie seinen schnellen Atem.
„Da ist ein Mann vor dem Haus“, sagte er.