Mia wird behandelt.
Noah sitzt vor der Tür.“
Erleichterung glitt über ihr Gesicht.
Dann kam die Angst zurück.
„Julian hat den Schlüssel gesucht.“
„Noah hat ihn.“
Sophie schloss die Augen.
„Dann ist noch Zeit.“
Konrad rief seinen langjährigen Anwalt Friedrich Kern an.
Er erklärte nur das Nötigste und bat ihn, sofort zum Hauptbahnhof zu fahren.
Zwei Polizeibeamte begleiteten ihn.
Konrad selbst blieb bei Sophie, bis die Medikamente wirkten und ihr Atem ruhiger wurde.
Eine Stunde später kam Friedrich mit einem versiegelten Metallkasten ins Krankenhaus.
Sie öffneten ihn in einem kleinen Besprechungsraum.
Noah saß neben Konrad.
Ein Ermittler filmte jeden Schritt.
Im Kasten lagen drei Ordner, ein altes Notebook, mehrere Kontoauszüge und ein Stapel Briefe.
Ganz oben lag eine Kopie der Überweisung, wegen der Sophie damals beschuldigt worden war.
Dreihundertachtzigtausend Euro waren aus der Winter-Stiftung auf ein Auslandskonto geflossen.
Die digitale Freigabe trug Sophies Namen.
Darunter lag jedoch das Protokoll des Sicherheitsservers.
Die Freigabe war an einem Abend erfolgt, an dem Sophie nachweislich in einer anderen Stadt gewesen war.
Der Zugang stammte aus Julians Büro.
Friedrich blätterte weiter.
„Das allein hätte damals gereicht, um ihre Unschuld zu belegen.“
Konrad sah auf die Papiere.
„Warum haben wir es nicht gesehen?“
Der Anwalt schwieg kurz.
„Weil Julian mir damals eine andere Serverkopie gegeben hat.“
Im zweiten Ordner lagen E-Mails zwischen Julian und einem externen IT-Berater.
Sie beschrieben, wie Protokolle ersetzt, Zeitstempel verändert und Sophies Passwort verwendet worden waren.
Im dritten Ordner befanden sich Briefe.
Sie waren an Konrad adressiert.
Dutzende.
Sophie hatte sie über Jahre geschrieben.
Manche waren nur eine Seite lang, andere zehn.
Sie berichtete von Noahs Geburt, von ihrer Arbeit in einer Wäscherei, von Mias ersten Schritten.
In jedem Brief bat sie ihren Vater, ihr zu glauben oder wenigstens mit ihr zu sprechen.
Keiner dieser Briefe war bei Konrad angekommen.
Auf mehreren Umschlägen befand sich ein Stempel aus der zentralen Poststelle der Winter-Gruppe.
Daneben standen handschriftliche Vermerke: an Geschäftsführung weitergeleitet.
„Julian hat sie abgefangen“, sagte Friedrich.
Konrad nahm einen der Briefe.
Das Papier war an den Falten weich geworden.
Papa, ich weiß, dass du mich hasst.
Aber ich habe nichts genommen.
Noah ist jetzt drei Monate alt.
Manchmal hat er denselben ernsten Blick wie du.
Ich möchte nicht, dass er ohne Familie aufwächst.
Konrad musste aufstehen.
Er ging zum Fenster und presste die Stirn gegen die kalte Scheibe.
Acht Jahre lang hatte er geglaubt, Sophie habe jeden Kontakt abgebrochen.
In Wahrheit hatte sie immer wieder nach ihm gerufen.
Und Julian hatte dafür gesorgt, dass er nichts hörte.
Das Notebook enthielt den Rest.
Sophie hatte nach ihrer Flucht nicht aufgegeben.