Ich nahm den Anruf an und schaltete den Lautsprecher ein.
„Ich habe das Video erhalten“, sagte sie ohne Begrüßung.
„Die Originaldatei wird gerade gesichert.
Zeitstempel und Cloudprotokoll sind intakt.
Außerdem habe ich Frau Lindner die Unterlagen geschickt, die wir vergangene Woche vorbereitet haben.“
„Welche Unterlagen?“ fragte Dr.
Keller.
„Bankauszüge, manipulierte Nachrichten, die verschwundene Medikamentenpackung und den Entwurf eines Antrags auf alleiniges Sorgerecht, den Herr Harper auf seinem gemeinsamen Druckerkonto gespeichert hatte.“
Ethan starrte mein Telefon an.
Sein Anwalt schloss kurz die Augen.
„Sie haben mir gesagt, Ihre Frau habe den Antrag selbst angekündigt“, sagte er.
„Halt den Mund“, zischte Ethan.
Frau Seidel fuhr fort: „In dem Entwurf wird behauptet, Frau Harper habe dem Kind Medikamente verabreicht und sei anschließend verschwunden.
Das Dokument wurde drei Tage vor Noahs Einlieferung erstellt.“
Niemand sagte etwas.
Die Worte lagen zwischen uns wie ein geöffnetes Messer.
Drei Tage vor Noahs Einlieferung.
Ethan hatte nicht in Panik reagiert.
Er hatte geplant.
Frau Lindner bat Dr.
Keller um einen Besprechungsraum.
Der Polizeibeamte stellte sich neben Ethan und erklärte ihm, dass er das Krankenhaus vorerst nicht verlassen dürfe.
„Wegen eines Videos?“, rief Ethan.
„Sie sperren mich ein, weil meine hysterische Frau einen Film zeigt?“
Aus Noahs Zimmer kam eine kleine, heisere Stimme.
„Mama?“
Ich drehte mich sofort um.
Maya stand in der Tür.
Noah saß aufrecht im Bett und streckte die Hand nach mir aus.
„Darf ich zu ihm?“ fragte ich.
Dr.
Keller nickte.
„Ja.“
Ethan machte einen Schritt auf die Tür zu.
Der Polizist versperrte ihm den Weg.
„Nicht Sie.“
Zum ersten Mal an diesem Tag zerbrach Ethans Fassade vollständig.
„Das ist mein Sohn!“
Noah zuckte bei seiner Stimme zusammen.
Ich ging ins Zimmer und schloss die Tür hinter mir.
Die Tüte mit den Crackern stand noch ungeöffnet auf dem Nachttisch.
Noah klammerte sich an mich, sobald ich das Bett erreichte.
Ich setzte mich vorsichtig neben ihn, damit die Infusion nicht verrutschte.
„Ich habe es getrunken“, flüsterte er.
„Papa sagte, sonst kommst du nicht zurück.“
„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Er sagte, du wirst böse, wenn ich es erzähle.“
„Ich bin nicht böse auf dich.“
„Geht er jetzt ins Gefängnis?“
Ich wollte ihm keine Antwort geben, die ich nicht sicher wusste.
Also strich ich ihm durchs Haar.
„Jetzt sorgen viele Erwachsene dafür, dass du sicher bist.
Und ich bleibe hier.“
„Auch wenn der Mann draußen dich wegschickt?“
„Auch dann.“
Maya kontrollierte seine Infusion und zog die Decke höher.